Mediation richtig verstehen und einsetzen
„Konfliktmoderation funktioniert nicht!“ – Solche Sätze sind weitverbreitet, auch in Familienunternehmen. Dabei wurden die Konfliktmoderation und die Mediation (im Folgenden nur „Mediation“) einst als große Hoffnungsträger einer neuen, dialogorientierten Konfliktkultur betrachtet. Als Verfahren, die Klarheit schaffen, statt Schuld zu verteilen – und dennoch scheitern sie mitunter. Woran liegt das?
Streiten ist einfacher als zuhören
Einschätzungen des Konfliktexperten Christoph Maria Michalski folgend, sind hier vor allem zwei Ursachen zu nennen, die – so entlarvend sie auch sein mögen – zum Nachdenken anregen: Mediation ist unbequem (auch wenn genau hier ihr Potenzial liegt). Und vielleicht noch wichtiger: Wir Menschen scheuen oft den ehrlichen Dialog. Der Wunsch, Recht zu behalten oder einen Konflikt zu gewinnen, ist leider häufig stärker als die Bereitschaft zur Verständigung.
Dass die Philosophin und Journalistin Svenja Flasspöhler in ihrem Essay „Streiten“ zum respektvollen Streit mit dem Ziel des Obsiegens auffordert, ist eine Bekräftigung dieser Sichtweise – während Mediation das Gegenteil verlangt: innehalten, zuhören, sich selbst und das Gegenüber ernst nehmen – und genau das fällt uns schwer.
Hinzu kommt: Mediation wird bis heute häufig missverstanden. Der Mediationsprozess gilt vielen als harmoniebetonter Weg für Menschen, die harten Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen wollen. Das Gegenteil ist richtig: Eine gute Mediation ist anstrengend, fordernd – aber auch klärend und entlastend.
Wenn Neutralität zur Herausforderung wird
Ein weiterer Aspekt, der die kritische Wahrnehmung der Mediation verstärkt, hängt mit der Professionalisierung der Mediationslandschaft zusammen. Die Ausbildungsinhalte und -strukturen sind heterogen, die Qualität der Angebote ist entsprechend uneinheitlich. Das Vertrauen in das Verfahren leidet, wenn Teilnehmende den Eindruck haben, die Mediation diene nur dem schönen Schein.
Dabei kann auch die berufliche Herkunft der Mediatoren eine Rolle spielen – etwa dann, wenn juristisch geprägte Denkweisen dominieren. Wer aus einem rechtsberatenden oder richterlichen Kontext kommt, bringt eine entsprechende fachliche Expertise mit und setzt diese eventuell – unbewusst – ein. Doch in der Mediation ist eine Haltung gefragt, die den Raum für Selbstverantwortung und Kooperation öffnet. Dies erfordert ein bewusstes Zurücktreten der bewertenden, richtenden Perspektive zugunsten eines prozessorientierten Miteinanders. Allparteilichkeit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern tägliche Übung.
Was wir brauchen: Eine neue Haltung zu Konflikten
Mediation ist nicht gescheitert – aber sie scheitert in der Praxis immer wieder. Und das hat weniger mit ihr selbst zu tun als mit der Art, wie wir als Gesellschaft, als Organisationen und als Individuen mit Konflikten umgehen. Wenn wir es schaffen, Mediation nicht als „letzten Versuch“, sondern als echten Wendepunkt zu verstehen, liegt darin ein enormes Potenzial – für tragfähige Lösungen und für mehr Menschlichkeit in der Art, wie wir einander begegnen .