Zwischen zwei Welten – Nan Li verbindet Deutschland und China
Die Unterschiede fangen schon beim Namen an. „Hier in Bielefeld nennt man mich Nan Li – in meiner chinesischen Heimat heiße ich Li Nan“, sagt der, den man am besten Herrn Li nennt – dann macht man hier wie dort nichts verkehrt. Dabei sind es gerade die Unterschiede zwischen Deutschland und China und der Umgang damit, die die tägliche Arbeit von Herrn Li ausmachen.
Seit zwölf Jahren arbeitet er bei HLB Stückmann als Manager im Bereich Internationales Steuerrecht, hat viele Anknüpfungspunkte zu den BKS Rechtsanwälten und ist auch hier das, was er zwischen den beiden Ländern ist: „Ich bin immer Bindeglied und Nadelöhr zugleich.“ Bindeglied vor allem, weil er sich in beiden Welten bestens auskennt. Geboren und aufgewachsen in der chinesischen Provinz, zog er zum Studium der Betriebswirtschaftslehre nach Peking. Nach dem Studium war für ihn klar: Er wollte ins Ausland, nach Deutschland wechseln. „Die größte Herausforderung war dabei natürlich die Sprache. Erst ein halbjähriger Intensivkurs an der Uni Bielefeld hat mich überhaupt in die Lage versetzt, hier studieren zu können“, sagt der heute 48-Jährige. Als er dann die ersten BWL-Vorlesungen besuchte, wurde ihm klar: „Ich kannte hier schon sehr viel, es fühlte sich nach etwas langweiligen Wiederholungen an. Da wollte ich mich lieber einer neuen Herausforderung stellen und habe angefangen, Jura zu studieren.“
Nach dem ersten Staatsexamen, einem Praktikum im chinesischen Konsulat in Frankfurt, nach Referendariat und zweitem Staatsexamen erfolgten die Zulassung zum Anwalt und der Start bei HLB Stückmann und den BKS Rechtsanwälten.
„Seitdem kümmere ich mich vor allem um chinesische Mandanten, die hier in Deutschland Fuß fassen wollen“, erzählt Herr Li. Und das so umfassend und mit einer stetig steigenden Anzahl von Mandanten, dass „es sich manchmal schon so anfühlt, als sei ich hier das Nadelöhr“, sagt Herr Li. Und lacht.
Gerade im Elektronikbereich, für die Autobatterie- und Solarbranche sei der deutsche Markt aus chinesischer Sicht sehr attraktiv. „Da geht es anfangs immer um die Frage der zu wählenden Rechtsform, später dann um die richtige Umsatzsteueranmeldung, um steuerliche Fragen, um das Prüfen von Bescheiden und um vieles mehr“, sagt Herr Li. Meist schreibt er dazu E-Mails, führt Telefonate.
„Aber ein Drittel meiner Mandanten kann ich auch persönlich treffen. Entweder reise ich zu ihnen oder sie kommen hier bei HLB Stückmann vorbei, wenn sie aus dem Süden Deutschlands unterwegs nach Hamburg oder zur Hannover Messe sind.“ Nicht nur bei diesen Treffen sind die chinesischen Mandanten froh, einen Landsmann in Bielefeld vorzufinden. „Es gibt in Deutschland 24 HLB-Büros mit insgesamt circa 3.000 Mitarbeitenden – aber ich bin der Einzige, der einen chinesischen Pass besitzt, der Chinesisch spricht. Das macht mich schon ein wenig stolz und hilft bei den Geschäftsbeziehungen sehr.“
Apropos Geschäftsbeziehungen: Auch da gibt es große Unterschiede zwischen den beiden Ländern. „Der Deutsche spricht direkt über Geld, über sein Honorar. Für den Chinesen ist das sehr fremd, wirkt fast unhöflich. Hier wird in Gesprächen erst einmal Vertrauen aufgebaut, ehe das Wirtschaftliche geklärt wird. Doch auch bei den Angeboten sind die Sitten in beiden Ländern sehr verschieden. Die Deutschen glauben, dass nur bei ihnen angefragt wird, sodass sie sich viel Zeit nehmen können, um ein ausführliches Angebot zu schreiben. Der Chinese ist da etwas ganz anderes gewöhnt. Er streut seine Angebotsanfragen sehr breit, erwartet aber eine knappe Antwort innerhalb von ein oder zwei Tagen“, weiß Herr Li.
Der verfügt auch nach 25 Jahren, die er schon in Bielefeld lebt, immer noch über den chinesischen Pass und eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung, auch wenn seine chinesische Frau und seine Kinder längst eingebürgert sind. Dabei reist er nur einmal im Jahr nach China, um seine restliche Familie zu besuchen. In der sonstigen Zeit genießt er die Struktur und das Ländliche, das das Leben in Bielefeld biete. Fehlen tun ihm dagegen die großen öffentlichen Veranstaltungen in China, „die es hier in Deutschland eigentlich nur beim Public Viewing während großer Fußballturniere gibt.“ Die vielen Menschen, die Enge in Chinas Großstädten seien so Fluch und Segen zugleich. „Es geht da schon manches Mal persönlicher zu, wenn so viele Menschen aufeinander treffen“, weiß Herr Li und schätzt diesen engen Austausch auch bei seiner Arbeit. „Wenn ich Mandanten treffe, dann gehen wir gerne auch abends Essen und tauschen uns aus.“ Wobei das chinesische Essen in Bielefeld eher eingedeutscht sei, man schon nach Düsseldorf oder Frankfurt fahren müsse, um authentisch chinesisch essen zu können. Auch bei diesen Arbeitsessen geht es meist um die vielen Unterschiede zwischen Deutschland und China. „Wir haben häufig verschiedene Arbeits- und Denkweisen. Aber das gleicht sich langsam an“, sagt Herr Li. Der Begriff Work-Life-Balance sei in China noch ein Fremdwort, chinesische Feiertage dafür in Deutschland meist unbekannt. „Auch da helfe ich gerne weiter, wenn etwa ein Kollege jemanden an einem solchen Tag erfolglos zu erreichen versucht.“
Chinesische Firmen, die in Deutschland erst eine Vertriebsgesellschaft gründen, dann auch die Produktion hier in Deutschland anstreben, gibt es immer mehr. „Und das ist nur der Anfang. Ich erwarte da eine sehr große Welle“, sagt der, der sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen kann. Ein Drittel seiner Arbeit verwendet er dabei auf die Rechtsberatung, ein weiteres Drittel auf die Prüfung von Bescheiden: „Das letzte Drittel ist dann irgendetwas dazwischen, zwischen Recht und Steuer, zwischen Beratung und Prüfung.
Auch die Kontaktpflege zu den 13 HLB-Büros in China gehört dazu, kommen doch von da nicht nur die neuen Mandanten per Empfehlung, sondern knüpfen wir auch Kontakte, wenn einer unserer deutschen Mandanten überlegt, Geschäftsbeziehung zu China aufzubauen.“ Es sei am Ende ein Berufsleben zwischen zwei Welten, mit großen Unterschieden und dem stetigen Bedürfnis, das Leben des einen in der Welt des anderen so problemlos wie möglich zu gestalten. Wenn diese Verbindung lange andauert, wenn Vertrauen aufgebaut , das rechtliche Fundament geschaffen ist und alle steuerlichen Fragen geklärt wurden, dann wechselt auch der Name, die Ansprache: „Dann bin ich nicht mehr Herr Li, dann bin ich Nan. Und das funktioniert auch in beiden Welten.“